8.30 Uhr

Ich wache auf, bin müde, weiß kaum wo ich bin. Ehe ich richtig Zeit habe, im Tag anzukommen, schnappe ich mir schon mein Handy. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Aber ich habe das Gefühl, ich müsste sofort wissen, was ich während meines Schlafs verpasst habe.
Ich realisiere kaum, ob die Sonne in mein Zimmer scheint oder nicht. Meine Träume verdränge ich, mache sofort Platz für neue Sorgen.

Sind neue WhatsApp-Nachrichten da? Habe ich eine wichtige Mail verpasst? Wie kam mein letzter Post auf Social Media an?

Das erste, was ich am neuen Tag betrachte, liegt hinter einer Scheibe. Ein Display bestimmt mein Leben; sagt mir, wie beliebt ich bin und was heute zu tun ist.

9.30 Uhr

Zum Yoga habe ich an diesem Morgen keine Lust. Irgendwie gibt es tausend wichtigere Dinge, als Sport auf einer Matte. Wenn ich ehrlich zu mir wäre, müsste ich mir eingestehen, dass ich die Zeit hatte. Doch nachdem ich mein Handy in der Hand hielt, kam ich aus der virtuellen Welt nicht mehr hinaus. Plötzlich fielen mir drei neue Youtube Videos auf, die ich unbedingt hatte sehen wollen und diese Instagram-Story war einfach zu interessant. Ich sollte die Wohnung aufräumen, endlich einen neuen Blogpost schreiben, etwas für die Uni tun. In der Küche schaue ich durch die Fensterscheibe:

Strahlender Sonnenschein. Klarer, blauer Himmel. Ich lächle kurz, registriere es und gebe mich wieder dem Stress hin.

14 Uhr

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wo die Zeit hin ist. Ich wollte den freien Tag so richtig genießen, aber irgendwie fehlt mir jede Energie. Und nach den dringensten Aufgaben habe ich mich dann einfach aufs Sofa gelegt, wollte nur kurz entspannen, ein bisschen in eine andere Welt fliehen. Also habe ich mir eine Serie auf Amazon angesehen. Eine Folge nur, dann wollte ich wirklich rausgehen. Oder zumindest etwas Produktives tun, etwas, das mich weiterbringt im Leben. Stunden später habe ich nun die komplette Staffel zu Ende geschaut. Das Leben der Seriencharaktere wurde zu meinem Leben. Ich bin abgetaucht in eine andere Welt. Um meine eigenen Probleme musste ich mich nicht kümmern. Stattdessen konnte ich das Leben fiktiver Charaktere wie durch eine Scheibe betrachten. So richtig gut fühle ich mich nicht. Ich habe ein schlechtes Gewissen, das gute Wetter nicht auszunutzen. Aber etwas hindert mich, rauszugehen. Ich fühle mich einfach nicht gut. Und hier auf meinem Sofa ist alles so leicht.

15 Uhr

Immer noch habe ich es nicht geschafft, aufzustehen. In meiner Hand das Handy, mein Daumen scrollt durch die Facebook-Timeline. Ich sehe einen Post, der mich zum Nachdenken anregt:

„Alle freuen sich über die Sonnenstrahlen und ich schaue Netflix mit geöffnetem Fenster.“

Ich fühle mich wie erwischt. Der Post hat unzählige Daumen hoch, begeisterte Couch-Potatos ermutigen den Verfasser des Posts. Aber so will ich eigentlich nicht sein. Zu lange habe ich mein Leben schon an mir vorbeiziehen lassen und Chancen verpasst. Ich möchte das Leben nicht durch Scheiben betrachten und die Sonnenstrahlen wie ein Zuschauer in der letzten Reihe erahnen. Mein Leben hat keine 3 Staffeln, es existiert nur einmal und es gibt keinen Pausenknopf. Für mein Lebensglück ist es unwichtig, wie viele Likes und Follower ich habe, oder wie viele unbeantwortete Nachrichten auf mich warten. Mein Leben ist genau jetzt. Also entschließe ich mich spazieren zu gehen. Für mich ist das tatsächlich etwas Neues. Ich gehe nicht gerne alleine spazieren.

15.30

Nun stehe ich draußen, meiner Kamera um den Hals gehängt und fühle mich überfordert. Irgendwie bin ich planlos, weiß gar nicht, wo genau ich hinwill. Ein paar Fotos möchte ich schießen und die Luft atmen. Ich möchte echte Menschen sehen, vielleicht irgendetwas erleben.
lenem draußenLeben hinter Scheiben Straße
Nachdem ich die ersten Fotos gemacht habe, werde ich immer motivierter. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, keine Scheibe trennt mich vom echten Leben, nur meine Kamera lässt mich die Welt noch manchmal in einem neuen Blickwinkel sehen. Irgendwie bin ich dankbar. Dankbar für die Blumen am Straßenrand, für die vorbeilaufenden Kinder, die ihren genervten Müttern stolz von ihrem Tag erzählen. Ich bin dankbar für meine tolle Kamera, die ich viel zu selten nutze. Ich lasse mich einfach treiben; mir ist egal, wenn ich verloren gehe.

Leben Hinter Scheiben Baum

Und als ich spüre, wie der ganze Stress von mir abfällt weiß ich, dass das Leben nicht hinter eine Scheibe gesperrt werden sollte.

Leben hinter Scheiben – Fazit

Ich habe heute mal einen Post in einem etwas anderem Stil verfasst. Es geht hier nicht um meine nicht existenten Fotografie-Skills oder darum, dass man jeden Tag spazieren gehen muss. Und natürlich sieht nicht jeder Tag so aus (allein wegen Arbeit und Uni wäre dies nicht möglich). Ich habe bloß bemerkt, dass ich zu oft Zuschauer in meinem eigenen Leben bin und mehr in der „echten Welt“ leben und bewusst genießen sollte. Gegen gemütliche Stunden auf der Couch, Social Media, Youtube und Serien ist nichts einzuwenden, jedoch sollten sie das Leben nicht dominieren.

Lasst mir super gerne eure Meinungen da! Erwischt ihr euch auch manchmal, wie ihr „hinter Scheiben lebt“?