Ich höre jeden Tag Podcasts, bin auf Instagram und Facebook. Ich mache Videokurse, gehe zu Veranstaltungen, lese Bücher.

Konsumiere.

Womit du dich konfrontierst, beeinflusst deine Gedanken, deine Gedanken wiederum dein Handeln.

Das sage ich mir immer wieder. Das höre ich immer wieder.

Höre ich, seit ich auf dieses größe Wort Persönlichkeitsentwicklung gestoßen bin. Eine Bewegung voller Menschen, die mehr vom Leben erwarten, aber auch immer mehr von sich selbst.

Persönlichkeitsentwicklung hat mich gelehrt Verantwortung zu übernehmen. Hat mich aus dunklen Löchern geholt und mir Mut gegeben. Und ich wurde ein Fan von ihr. Meine Timelines sind voll mit motivierten Menschen, mit Menschen die sich selbstständig machen. Die auf Seminare gehen, alles geben. Immer an sich arbeiten. Sich jeden Tag reflektieren. Jeden Tag besser werden.

Aus Angst, meine Zeit zu verschwenden, wurden meine Romane durch Sachbücher eingetauscht. Bei jedem Podcast, der nichts zu meiner Weiterbildung sondern nur zu meiner Unterhaltung beigetragen hat, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Schneller, besser, weiter.

Mindset, Morgenroutine,  Hustlen, positives Umfeld, positive Gedanken. Buzzwords die auf mich einprasseln, die ich verinnerliche, die unbedingt zu mir gehören sollen. Ich will auch so erfolgreich sein. Möchte auch meine Gedanken so perfekt kontrollieren können. Möchte funktionieren, jeden Tag aufstehen und ein Stückchen besser werden.

Ich fühle mich wie in einem ganz besonderen Club. Ganz besondere Menschen. Und ich fange an zu glauben, dass ich nur besonders bin, wenn ich besonders viel leiste.

Ich löse schlechte Glaubenssätze auf, mache Sport, setze mir Ziele, schreibe einen Blog, ernähre mich gesund. Diese Erfolge muss ich teilen. Muss es mir beweisen, aber vor Allem den anderen auf Social Media.

Also poste ich, wenn ich etwas für meine Weiterentwicklung getan habe. Wenn ich zum Fitness gehe oder vegan gekocht habe.
selbstoptimierung

 

Ich sitze in einer Decke eingehüllt vor Netflix, schaue eine ganze Staffel einer Serie durch und fühle mich schlecht. Richtig schlecht sogar. Als hätte ich mich verraten und auch den Club, zu dem ich so unbedingt gehören möchte. Neben Uni und anderen Verpflichtungen habe ich es nicht zum Sport geschafft. Schon seit Tagen nicht. Ich habe Pizza gegessen und die war weder vegan noch besonders gesund. Am Wochenende war ich sogar feiern. Ich habe Podcasts gehört, die nichts mit Weiterbildung zu tun hatten, aber über die ich herzlich lachen konnte. Ausnahmsweise habe ich mich mal nicht jeden Tag kritisch reflektiert oder mir ein neues fancy Ziel gesetzt. Dafür habe ich Freunde getroffen und wir haben keine tiefgründigen Gespräche gehabt, sondern waren einfach mal verrückt. Locker und leicht. Eigentlich war ich glücklich in den letzten Tagen. Aber jetzt überkommt mich ein ungutes Gefühl.

Was hätte ich alles erreichen können in dieser Zeit?

Wie viel besser hätte ich werden können, wie viel mehr in Businesspläne stecken können? Die tollen Kommentare unter dem letzten Blogpost oder die gute Uninote zählen nicht. Denn es geht ja schließlich immer noch mehr. Ich habe nicht 100% gegeben, also darf ich auch nicht 100% zufrieden sein.

STOP.

Sind das meine Gedanken oder die, die mir andere eingeredet haben? Womit du dich konfrontierst, beeinflusst deine Gedanken. Darf ich nur glücklich sein, wenn ich neue Ziele erreicht habe? Wie viel bleibt von mir übrig, wenn ich alles tue, nur um mich jeden Tag zu entwickeln? Wenn ich es fast schon erzwinge.

Ich habe Angst:
Angst vor Faulheit, Angst vor Pausen, Angst vor ungesundem Essen, vor leichter Unterhaltung, vor negativen Gedanken.

Angst vor mir.

Doch zu viel Angst macht bewegungslos. Erzeugt Druck. So viel Druck, dass ich vergesse zu leben. Dass ich vergesse, dass ich auch glücklich sein darf, wenn mein Leben nicht perfekt läuft.

Ich darf auch mal auf der Stelle laufen, ohne Panik vor Rückschritten zu haben. Ich darf atmen und genießen. Ich darf auch mal ungesund essen, wirres Zeug reden, laut und herzhaft lachen über schlechte Witze. Darf Romane lesen, einfach nur zum Spaß. Darf mit meinen Liebsten Zeit verbringen. Darf stolz sein auf kleine Erfolge. Ich darf auch einfach mal gar nichts tun.

Der Schlüssel ist Balance.

Selbstoptimierung ist toll. Sollte aber kein Zwang sein. Sollte mein Leben nicht kontrollieren.

Und auch wenn viele in der Persönlichkeitsentwicklung glauben, das perfekte Rezept für ein perfektes Leben vorgeben zu können, so ist es immer noch mein Leben. Wir sollten nach Verbesserung streben, dürfen aber auch im Moment glücklich sein.