Ich werde niemals perfekt sein. Das weiß ich auch. Aber oft habe ich das Gefühl, ich müsste es sein. Vielen aus meinem Umfeld geht es ähnlich. Wenn du den Druck verspürst, perfekt sein zu wollen, bist du nicht alleine damit. Trotzdem wird nur selten darüber geredet. Ab und zu, in einem abendlichen Gespräch oder einer ruhigen Minute, kommt es dann doch einmal zur Sprache: Die Angst, etwas nicht gut genug zu machen. Der selbstauferlegte Zwang, äußeren Anforderungen perfekt gerecht zu werden.

In der letzten Woche habe ich mit anderen Menschen darüber geredet und bin mir meinen eigenen Baustellen noch einmal richtig bewusst geworden.
In regelmäßigen Abständen muss ich immer wieder lernen, dass es vollkommen in Ordnung ist, unperfekt zu sein. Dieser Blogpost soll dich und mich auch in Zukunft daran erinnern.

Was Perfektionismus mit mir anstellt

Es war schon in der Schule so und es zieht sich bis in mein Studium: Perfektionismus frisst unglaublich viel Zeit. Ich habe in der Schule oft doppelt so lange an Hausaufgaben gesessen wie meine Mitschüler. Für Klausuren habe ich intensiv und teils sogar verbissen gelernt. Das große Ziel: Eine perfekte Leistung abliefern. Wenn es dann zur Klausur kam, war ich stets eine der letzten, die im Raum saß. Unbedingt wollte ich auch noch meinen letzten Gedanken auf Papier bringen. Die Aufgabe an sich zu beantworten reichte mir oft nicht, ich wollte noch mehr schreiben, als verlangt. In meinem Kopf die ständige Angst: „Wenn ich das jetzt nicht noch aufschreibe, dann bekomme ich vielleicht einen Punktabzug.“
Also gab ich letztendlich eine zehnseitige Gedichtanalyse ab, wo andere fünf Seiten schrieben. Wenn ich meine Wohnung putze, kann mich ein einzelner Fleck auf dem Boden so aufregen, dass ich ihn solange bearbeite, bis er vollkommen verschwunden ist. Es reicht dann nicht „einmal kurz durchzuwischen“, ich muss mehrmals und mit Aufwand den Boden reinigen. Das heißt nicht, dass meine Wohnung immer perfekt sauber ist. Denn durch den Perfektionismus nimmt Putzen sehr viel Zeit in Anspruch und demotiviert mich, es überhaupt zu tun. Schon hier wird die Absurdität meines Perfektionismus deutlich. Ich werde dadurch sogar noch „unperfekter“.

In der Uni geht es mir nicht anders. Ich möchte nicht nur gut sein, ich möchte sehr gut, sogar perfekt sein. Dies leitet zu dem nächsten Effekt, den Perfektionismus bewirkt: Stress. Nicht die positive Art von Stress, die dich zu Höchstleistungen anspornt. Teils artet dieser Stress so aus, dass ich Nachts wachliege und nicht schlafen kann. Ich habe Angst, eine Prüfung nicht nach meinen Ansprüchen „perfekt“ abzuliefern. Bei der Prüfungsleistung blockiert mich mein eigener Perfektionismus teils so, dass ich erst recht Fehler mache. Ich will euch nicht anlügen: Ich habe und hatte stets gute bis sehr gute Noten. Doch für welchen Preis? Für schlaflose Nächte, Panik bei Prüfungen und großen Enttäuschungen bei „schlechten“ Noten. Dabei war ich so gut wie niemals schlechter als die Note drei.

Teils hindert Perfektionismus mich sogar daran, erfolgreich zu werden. Bevor ich diesen Blog gestartet habe, habe ich monatelang an ihm gearbeitet. Das Meiste davon jedoch nur in meinem Kopf. Dort existierten Gedanken wie:
Bevor ich den Blog starten kann, muss ich mir erst mehr Wissen aneignen.
Bevor ich den Blog starten kann, muss ich selber mit mir komplett im Reinen sein.

Da mir jedoch immer neue Aspekte eingefallen sind, die ich noch vor dem Start perfektionieren könnte, hat sich das ganze Projekt enorm nach hinten verzögert. Beinahe hätte ich nie damit begonnen. Nur durch meine Bemühungen, meine negativen Gedanken loszuwerden, konnte ich schließlich mit dem Blog anfangen.
Mit vielen meiner Hobbies habe ich aufgehört, weil ich mir nicht „gut genug“ darin vorkam. Wenn ich etwas mache, soll es auch unglaublich gut werden. Aber das geht nunmal nicht so einfach. Also habe ich viele Chancen verstreichen lassen.

Wie wir mit dem Wunsch perfekt zu sein umgehen sollten

Ich weiß welcher Glaubenssatz unter Anderem in meinen Perfektionismus spielt. In meinem und wahrscheinlich auch in deinem Kopf existiert die Überzeugung: Fehler sind schlecht.
Dies ist ganz natürlich, weil uns dies seit der Kindheit eingetrichtert wird. Oft ganz unbewusst, aber es wird dir und mir immer wieder vermittelt. Immer wenn wir Fehler gemacht haben, wurden wir bestraft. Andererseits lernen wir nur aus Fehlern. Und so abgedroschen dieser Satz klingen mag, er stimmt! Ich und alle, die mit Perfektionismus zu kämpfen haben, müssen verstehen: Fehler machen ist gut!
Wir können etwas dazulernen, uns weiterentwickeln und nur so besser werden.

Wir müssen uns fragen, was der Perfektionismus bewirkt. Es hat keine positiven Auswirkungen perfekt sein zu wollen, sondern nur negative!
Das heißt nicht, dass wir nicht den Anspruch haben dürfen, gut in etwas zu sein. Natürlich will ich stets das Beste aus mir herausholen. Aber dabei muss ich mir auch erlauben Fehler zu machen. Ich darf nicht zu stolz sein, eine unperfekte Leistung abzuliefern. Das Wichtige ist, dass ich überhaupt etwas tue und wahre Leistungen abliefere. Dies braucht Zeit, aber das ist normal.
Manchmal stelle ich mir die Frage: „Was kann passieren, wenn ich keine perfekte Leistung abliefere?“
Und meistens wird mir dann bewusst, dass eigentlich nichts geschehen würde.
Kein Mensch auf dieser Welt ist perfekt. Es ist einfach nicht möglich, komplett fehlerfrei zu sein. Auch wenn es für uns manchmal den Anschein hat, dass andere perfekt sind, ist das nur eine Fassade. Würde man lange genug suchen, würde man an jeder Person, an jedem Werk, einen winzigen Fehler finden.
Und wieso würden wir überhaupt perfekt sein wollen? Eine perfekte Welt wäre wahrscheinlich ziemlich langweilig.

Ein super motivierendes und sehr ehrliches Video zum Thema Perfektionismus gibt es von Nikolaj Günter.

Hier mein liebstes Zitat zu dem Thema:
Starte lieber unperfekt, als perfekt zu warten.