Ich habe alles und trotzdem sitze ich da und zweifle. Obwohl ich glücklich und dankbar sein müsste, bin ich es oft nicht.
Letzte Woche habe ich den Film „Lion – Der lange Weg nach Hause“ im Kino gesehen und mich danach geschämt. Geschämt für meine negativen Gedanken und scheinbaren Probleme.
In der Persönlichkeitsentwicklung wird häufig gepredigt, man solle sich vom Negativen fernhalten. Ich stimme dem bis zu einem gewissen Maß zu. Ich versuche mich von negativen Nachrichten größtenteils fernzuhalten, umgebe mich soweit es mir möglich ist nur mit positiven Menschen.
Aber heißt „sich von negativen Dingen fernhalten“, auch die Augen zu verschließen?

In dem Film geht es um einen kleinen indischen Jungen, der verloren geht und erst nach 25 Jahren nach Hause zurückkehrt. Seine Familie ist arm, seine Mutter muss Steine schleppen, sie hungern. Was er auf seiner Reise erlebt ist furchtbar. Und leider Realität. Es gibt auf dieser Welt unglaublich viel Leid und Ungerechtigkeit. Heißt das, dass uns dies jeden Tag herunterziehen muss? Nein! Sollten wir es ganz ausblenden? Ich finde nicht.

Das Problem der First World Problems

Ich finde es nicht in Ordnung, die Privilegien unseres Lebens zu genießen, ohne dafür aktive Dankbarkeit auszuüben. Während ich mir mein Traumleben aufbauen darf, gibt es Menschen, die um ihr Überleben kämpfen. Für die Glück bedeutet, nicht hungern zu müssen. Leider bin ich kein Vorbild in diesem Gebiet. Zu oft versinke ich im Jammern. In meinem Umfeld nennen wir unsere scheinbaren Probleme oft mit einem Lächeln „First World Problems“. Dies trifft es leider zu gut. Unsere Probleme existieren zu einem Großteil nur in unserem Kopf. Wir wissen nichts mit unserer Zukunft anzufangen, dabei stehen uns alle Türen offen. Immer wieder sind wir genervt von dem unfreundlichen Mitarbeiter am Telefon. Oder wir beschweren uns über die Bahn, die ausgefallen ist. Dabei kommt die nächste schon in ein paar Minuten.
Wie würde unsere Probleme der kleine Junge aus Indien beurteilen, der grade allein durch eine fremde Stadt irrt und um sein Überleben kämpft?

Manchmal sehe ich mein Leben als selbstverständlich an. Ich bedanke mich zwar, aber viel zu selten und mit viel zu wenig Überzeugung. Vor Allem für die kleinen Dinge im Leben sollte ich dankbarer werden und überhaupt den Blick für sie gewinnen. Ich möchte es wieder schaffen, mein Leben bewusst als das anzusehen, was es ist: Ein Geschenk. Zwar ist es ein Geschenk, für das ich auch Dinge leisten muss. Manchmal enthält es „böse Überraschungen“ oder „unangenehmene Begleiterscheinungen“, aber es ist trotzdem wundervoll.

Ich möchte nicht dramatisch klingen oder euch Dinge vorschreiben. Aber wir alle dürfen nicht vergessen, dass wir nicht alleine sind auf dieser Welt. Und dass wir zu den wenigen Menschen gehören, denen es eigentlich sehr gut geht. Wir haben Glück in Deutschland zu leben, eine Schule besuchen zu können, freien Internetzugang zu haben.

Vielleicht haben wir so viele Optionen im Leben, dass uns grade das überfordert. Wir entwickeln Probleme, wo gar keine sind. Zu oft verlieren wir den Bezug zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Die Grenzen zwischen ernsthaften Problemen und „Herumjammern“ verwischen häufig bei mir.

Wofür ich dankbar bin

Ich habe

  • eine tolle Familie
  • loyale Freunde
  • einen Freund, der immer für mich da ist
  • genug Geld
  • die Möglichkeit, mich gesund und ausgewogen zu ernähren
  • eine Wohnung
  • freien Bildungszugang
  • die Möglichkeit, mich frei zu entfalten
  • (….)

Darf ich auch manchmal unzufrieden sein?

Ich könnte diese Liste ewig weiterführen. In meinem Leben existieren tausende Gründe, für die ich dankbar sein muss. Trotzdem darf ich auch manchmal unzufrieden sein. Ich muss es sogar, um mich aus der Unzufriedenheit heraus weiterentwickeln zu können. Auch wenn unsere Probleme klein wirken, sind es häufig trotzdem ernstzunehmende Probleme. Auch viele „kleine First World Problems“ können die Psyche auf Dauer belasten. Probleme gegeneinander abzuwiegen macht keinen Sinn. Für jeden sind andere Dinge schlimm. Jeder Mensch geht anders mit Belastungen um. Aber viel zu oft bin ich ohne Grund unzufrieden. Vor lauter Überfluss an positiven Dingen, weiß ich diese gar nicht mehr zu schätzen. Mein Learning diese Woche ist, die kleinen Dinge im Leben voller Dankbarkeit wertzuschätzen. Wofür solltest du dankbar sein? Führe es dir vor Augen.

Was ist deine Meinung zu dem Thema?